Group Solidarity, London: Wie wir es sehen – Wie wir es nicht sehen

Vorbemerkung
Der erste Teil, Wie wir es sehen (‚As we see it‘), wurde auf Deutsch zuerst in Internationale Information & Korrespondenz – „Die Soziale Revolution ist keine Parteisache”, No.2, November 1971 (Berlin/W) unter dem Titel Unsere Einschätzung veröffentlicht; beide Teile (‚As we see it‘ und ‚As we don’t see it‘) erschienen in deutscher Übersetzung erstmals zusammen in Schwarze Protokolle, Nr. 6, Oktober 1973 (Berlin/W). Diese Fassung wird hier, unwesentlich überarbeitet, benutzt. Abweichend von der Vorlage ist direkt unter die jeweilige These (1a etc.) der Kommentar (1b etc.) gesetzt. Außer einigen Anmerkungen sind zu heute nicht mehr so geläufigen Personen, Organisationen und Ereignissen Verweise (meist auf die Wikipedia) in den Text integriert.

Vorwort der Group Solidarity [1972]

Als wir 1967 zum ersten Mal „As We See It” herausbrachten, meinten wir, daß es eine genaue und auch ziemlich prägnante Zusammenfassung unserer Ansichten sei. Wir hatten Alternativen diskutiert und uns furchtbar angestrengt, Zweideutigkeiten zu vermeiden. Wir dachten, wir hätten einen ziemlich eindeutigen Text gemacht, dessen Annahme die Grundlage für die Zugehörigkeit zu einer Solidarity-Gruppe sein sollte.
Im Lauf der Jahre haben wir aber gemerkt, daß wir uns geirrt haben. Entweder war mit dem Text etwas nicht in Ordnung oder mit denen, die ihn gelesen haben. Vielleicht hat auch mit uns was nicht gestimmt, weil wir dachten, daß der Text für sich selbst spräche. Immer wieder sagten uns Genossen, daß sie mit jedem Punkt übereinstimmten … und im selben Atemzug fragten sie uns, warum wir keine Fraktionsarbeit in der Labour Party machten oder warum wir nicht in Kommunen lebten, warum wir keine Kampagne für die Gewerkschaftslinke machten, warum wir die Black Panthers oder Karumes antiimperialistisches Regime in Sansibar nicht über den grünen Klee lobten oder warum wir nicht an der Agitation gegen den Gemeinsamen Markt (1) teilnähmen. Einige fragten uns sogar, warum wir nicht den Aufbau einer „wirklichen revolutionären leninistischen Partei” befürworteten.
Wir halten es deshalb jetzt für notwendig, noch das Tüpfelchen auf das „I” zu setzen. Was folgt ist also der Versuch, Gedanken, die nur angedeutet waren, auszuführen, und Vorschläge zu formulieren, die im Text nur angedeutet waren. „As We Don’t See It” ist eine genauere Darstellung dessen, was wir in unserem ersten Text geschrieben haben. Bei dem Versuch, weitere Unklarheiten zu vermeiden, diskutieren wir auch noch einige Punkte, mit denen wir uns im ursprünglichen Text nicht befaßt haben. (…)

Wie wir es (nicht) sehen

1a
In der ganzen Welt hat die große Mehrheit des Volkes keine wie auch immer geartete Kontrolle über die Entscheidungen, die ihr Leben aufs tiefste und direkteste betreffen. Sie verkaufen ihre Arbeitskraft, während andere, die die Produktionsmittel besitzen oder kontrollieren, Reichtum anhäufen, die Gesetze machen und die ganze Staatsmaschinerie benutzen, um ihre privilegierte Stellung aufrechtzuerhalten und zu festigen.

1b
„In der ganzen Welt” bedeutet genau das, was es wörtlich heißt. Es bedeutet nicht: überall außer im sozialdemokratischen Schweden, in Castros Kuba, Titos Jugoslawien, Israels Kibbuzim oder Sekou Tourés Guinea. „In der ganzen Welt” schließt das vorstalinistische, stalinistische und nachstalinistische Rußland, Ben Bellas und Boumédiennes Algerien, die Volksrepublik Usbekistan und Nordvietnam ein. Überall schließt auch Albanien ein (und China).
Unsere Stellungnahmen zur gegenwärtige Gesellschaft gelten für alle diese Länder ebenso sehr wie für die USA oder England (ob nun unter einer Labour- oder konservativen Regierung). Wenn wir von privilegierten Minderheiten sprechen, die „die Produktionsmittel kontrollieren” und „die gesamte Staatsmaschinerie benutzen”, um sich selbst und andere an der Macht zu halten, so leisten wir eine universelle Kritik, von der es, im Moment, keine Ausnahme gibt.
Daraus folgt, daß wir keines dieser Länder für sozialistisch halten und daß wir nicht so tun, als hätten wir den heimlichen verdacht, sie könnten etwas anderes sein als das, was sie sind: hierarchisch aufgebaute Klassengesellschaften, gegründet auf Lohnsklaverei und Ausbeutung. Sie mit dem Sozialismus gleichzusetzen – sei es auch nur als entstellten Varianten – ist eine Verleumdung des eigentlichen Konzepts von Sozialismus (Fehlgeburten teilen, trotz allem, einige Eigenschaften mit ihren Eltern.) Außerdem ist dies eine Quelle endloser Mystifikation und Verwirrung. Aus dieser grundlegenden Einschätzung folgt ebenfalls, daß wir nicht China gegen Rußland oder Rußland gegen China (oder abwechselnd mal das eine und mal das andere) unterstützen, daß wir keine FNL-Fahnen (2) auf Demonstrationen tragen (die Feinde unserer Feinde sind nicht notwendigerweise unsere Freunde), und daß wir es unterlassen, in das jeweilige Geschrei nach mehr Ost-West-Handel, mehr Gipfelkonferenzen oder mehr Ping-Pong-Diplomatie mit einzustimmen.
In jedem Land der Welt unterdrücken die Herrschenden die Beherrschten und verfolgen wirkliche Revolutionäre. In allen Ländern ist der Hauptfeind des Volkes die eigene herrschende Klasse. Das allein kann die Grundlage für einen echten Internationalismus der Unterdrückten sein.

2a
Während des vergangenen Jahrhunderts hat sich der Lebensstandard der arbeitenden Menschen verbessert. Aber weder dieser verbesserte Lebensstandard noch die Nationalisierung der Produktionsmittel noch die Machtübernahme durch Parteien, die für sich beanspruchen, die Arbeiterklasse zu vertreten, haben den Status des Arbeiters als Arbeiter grundlegend geändert. Oder dem Großteil der Menschheit mehr Freiheit außerhalb der Produktion gegeben. In Ost und West bleibt der Kapitalismus eine unmenschliche Gesellschaftsform, in der die überwältigende Mehrheit bei der Arbeit herumkommandiert und in Konsum und Freizeit manipuliert wird. Propaganda und Polizisten, Gefängnisse und Schulen, traditionelle Werte und traditionelle Moral dienen alle dazu, die Macht der Wenigen zu verstärken und die Vielen entweder zu überzeugen oder zu zwingen, ein brutales, entwürdigendes und irrationales System zu akzeptieren. Die „kommunistische” Welt ist nicht kommunistisch und die „Freie” Welt ist nicht frei.

2b
Sozialismus kann nicht gleichgesetzt werden mit der „Machtübernahme durch Parteien, die beanspruchen, die Arbeiterklasse zu repräsentieren”. Die politische Macht ist ein Betrug, wenn die arbeitenden Menschen nicht die Macht in der Produktion übernehmen und behalten. Wenn sie diese Macht erringen, werden die Organe, die diese Macht ausüben (die Arbeiterräte) alle notwendigen politischen Entscheidungen treffen und ausführen. Daraus folgt, daß wir nicht für die Gründung von „besseren” oder „revolutionäreren” Parteien eintreten, deren Aufgabe die „Ergreifung der Staatsgewalt” bliebe. Die Macht der Partei mag aus den Gewehrläufen kommen. Die Macht der Arbeiterklasse erwächst aus der Verwaltung aller Bereiche der Wirtschaft und der Gesellschaft.
Sozialismus kann nicht mit Maßnahmen wie der „Verstaatlichung der Produktionsmittel” gleichgesetzt werden. Diese mögen den Regierenden verschiedener Klassengesellschaften helfen, ihr Ausbeutungssystem zu rationalisieren und ihre eigenen Probleme zu lösen. Wir weigern uns, zwischen Möglichkeiten zu wählen, die von unseren Klassenfeinden definiert worden sind. Daraus folgt, daß wir weder „rechte” noch „linke” Regierungen zu Verstaatlichungen (oder, was dies betrifft, zu irgendetwas anderem) drängen.
Abschnitt 2 impliziert auch, daß der Kapitalismus die Produktionsmittel weiterentwickeln kann. Er kann unter Umständen sogar den Lebensstandard verbessern. Aber nichts davon hat irgendeinen sozialistischen Inhalt. Jeder, der drei anständige Mahlzeiten am Tag und die Aussicht auf einen sicheren Arbeitsplatz haben will, kann dies in jedem ordentlich geführten Gefängnis finden. Daraus folgt, daß wir den Kapitalismus nicht in erster Linie auf Grund seines Versagens in diesem Bereich verurteilen. Für uns bedeutet Sozialismus nicht Transistorradios für die Gefangenen. Er bedeutet die Zerstörung des industriellen Gefängnisses selbst. Er bedeutet nicht nur mehr Brot, sondern es geht darum, wer die Bäckerei betreibt.
Der Abschnitt hebt abschließend die vielfältigen Methoden hervor, mit denen das System sich selbst verewigt. Indem Propaganda ebenso wie Polizisten, Schulen ebenso wie Gefängnisse, traditionelle Werte und traditionelle Moral ebenso wie traditionelle Methoden physischen Zwanges genannt werden, weist der Abschnitt auf ein bedeutendes Hindernis auf dem Weg zu einer freien Gesellschaft hin, nämlich auf die Tatsache, daß die große Mehrheit der Ausgebeuteten und Manipulierten die Normen und Werte des Systems verinnerlicht und weitgehend anerkannt hat (z.B. solche Konzepte wie Hierarchie, Teilung der Gesellschaft in Befehlsgeber und Befehlsempfänger, Lohnarbeit und die Polarität der Geschlechtsrollen) und sie tatsächlich für vernünftig halten. Es folgt darum aus alledem, daß wir Ansichten als unvollständig (und folglich untauglich) ablehnen, die die Verewigung des Systems allein der Polizei-Repression oder dem „Verrat“ verschiedener Politiker oder Gewerkschaftsführer zuschreiben.
Eine Krise der Werte und ein wachsendes Infragestellen von Autoritätsverhältnissen sind Entwicklungsmerkmale der gegenwärtigen Gesellschaft. Das Anwachsen dieser Krisen ist eine der Vorbedingungen für die sozialistische Revolution. Sozialismus wird nur möglich sein, wenn die Mehrheit des Volkes die Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Wandels versteht, sie sich ihrer Fähigkeit, die Gesellschaft zu verändern, bewußt wird, sie sich dazu entschließt, ihre kollektive Macht für die Erreichung dieses Ziels zu gebrauchen und weiß, wodurch sie das gegenwärtige System ersetzen will. Daraus folgt, daß wir Analysen (wie die sämtlicher Sorten Leninisten und Trotzkisten) ablehnen, die die Hauptkrise der modernen Gesellschaft als eine „Krise der Führung” definieren. Sie alle sind Generäle auf der Suche nach einer Armee, für die die Rekrutierungszahlen der wesentliche Erfolgsmaßstab sind. Für uns ist revolutionäre Veränderung eine Frage des Bewußtseins: des Bewußtseins, das Generäle überflüssig macht.

3a
Die Gewerkschaften und die traditionellen Parteien der Linken begannen ihre Aktivitäten, um all dies zu ändern. Aber sie haben sich mit den vorhandenen Ausbeutungssystemen geeinigt. Tatsächlich sind sie jetzt lebensnotwendig, wenn die Ausbeutungsgesellschaft weiterhin reibungslos funktionieren soll. Die Gewerkschaften handeln als Vermittler auf dem Arbeitsmarkt. Die politischen Parteien benutzen die Kämpfe und die Hoffnungen der Arbeiterklasse für ihre eigenen Ziele. Die Verkommenheit der Organisationen der Arbeiterklasse, selbst ein Ergebnis der Niederlage der revolutionären Bewegung, war ein maßgeblicher Faktor bei der Herausbildung der Apathie der Arbeiterklasse gewesen, die ihrerseits den weiteren Abstieg sowohl der Parteien wie der  Gewerkschaften führte.

3b
Wenn wir uns auf die „traditionellen Parteien der Linken” beziehen, so denken wir nicht nur an die sozialdemokratischen und „kommunistischen” Parteien. Parteien dieses Typs haben ausbeuterische Klassengesellschaften verwaltet, verwalten sie und werden sie weiter verwalten. Der Begriff „traditionelle Parteien der Linken” umschließt für uns auch die trad Revs (traditionellen Revolutionäre), d.h. die verschiedenen leninistischen, trotzkistischen und maoiden Sekten, die die Träger der staatskapitalistischen Ideologie und die noch unentwickelten Keime einer repressiven staatskapitalistischen Macht sind.
Diese Gruppen sind lediglich Vorformen anderer Arten von Ausbeutung. Ihre Kritiken an der sozialdemokratischen, „stalinistischen” oder „revisionistischen” Linken mögen giftig genug erscheinen, aber sie beschäftigen sich niemals mit dem Grundsätzlichen (wie die Entscheidungsstruktur, den Ort der wirklichen Macht, die Vorherrschaft der Partei, das Vorhandensein von Hierarchie, die Mehrwertmaximierung, die Verewigung der Lohnarbeit und die Ungleichheit). Das ist kein Zufall, sondern folgt aus der Tatsache, daß sie selbst diese Grundsätze akzeptieren. Die bürgerliche Ideologie ist weiter verbreitet als viele Revolutionäre glauben und hat ihr Denken zutiefst durchdrungen. In diesem Sinn trifft Marx‘ Feststellung, daß „die herrschenden Gedanken einer jeden Epoche die Gedanken der herrschenden Klasse sind”, weit mehr zu, als Marx das je hätte vorausahnen können.
Was die autoritäre Klassengesellschaft (und die libertär-sozialistische Alternative) betrifft, sind die trad Revs Teil des Problems und nicht der Lösung. Diejenigen, die der sozialdemokratischen oder bolschewistischen Ideologie anhängen, sind entweder selbst Opfer der vorherrschenden Täuschung (und man sollte versuchen, sie zu ent-täuschen), oder sie sind bewußte Exponenten und zukünftige Nutznießer einer neuen Form von Klassenherrschaft (und müssen rücksichtslos bloßgestellt werden). Daraus folgt jedenfalls, daß es keinesfalls ’sektiererisch‘ ist, systematisch unsere Opposition zu dem, was sie darstellen, öffentlich zu machen. Dies nicht zu tun würde bedeuten, die Hälfte der herrschenden Gesellschaftsordnung von unserer Kritik auszuklammern. Es würde bedeuten, an der allgemeinen Mystifikation der traditionellen Politik (in der man das eine denkt und das andere sagt) teilzunehmen und die eigentliche Grundlage unserer unabhängigen politischen Existenz zu leugnen.

4a
Die Gewerkschaften und politischen Parteien können nicht reformiert, „erobert” oder in Instrumente der Emanzipation der Arbeiterklasse umgewandelt werden. Wir rufen allerdings nicht zur Bildung neuer Gewerkschaften auf, die unter den heutigen Bedingungen ein ähnliches Schicksal wie die alten erleiden würden. Auch rufen wir die Aktiven nicht auf, ihre Gewerkschafts-Mitgliedsbücher zu zerreißen. Unser Ziel ist einfach, daß die Arbeiter selbst über die Ziele ihrer Kämpfe entscheiden sollte und daß die Kontrolle und Organisation dieser Kämpfe fest in ihren eigenen Händen bleiben sollte. Die Formen, die diese Eigenaktivität der Arbeiterklasse annehmen kann, wird von Land zu Land und von Industriezweig zu Industriezweig beträchtliche Unterschiede aufweisen, ihr Inhalt aber nicht.

4b
Weil die traditionellen Parteien nicht „reformiert”, „erobert” oder in Instrumente der Emanzipation der Arbeiterklasse umgewandelt werden können – und weil wir uns weigern, doppeldeutig zu Reden und zu Denken –, folgt daraus, daß wir uns nicht auf solche Aktivitäten einlassen wie „kritische Unterstützung” der Labour Party zur Wahlzeit, zwischen den Wahlen „Labour an die Macht” rufen und generell an der Verbreitung von Illusionen teilnehmen, damit „die Leute Erfahrungen sammeln”, um diese dann zu durchschauen (gern auch zu einem späteren Zeitpunkt). Die Labour Party und die Kommunistische Partei mögen der Konservativen Partei darin teilweise überlegen sein, den Privatkapitalismus auf den Weg zum Staatskapitalismus zu führen. Die trad Revs wären sicher beiden überlegen. Aber wir stehen nicht vor einer Wahl dieser Art: Es ist nicht die Aufgabe von Revolutionären, die Geburtshelfer neuer Formen von Ausbeutung zu sein. Daraus folgt, daß wir lieber für das kämpfen, was wir wollen (auch, wenn wir es nicht sofort bekommen), als für etwas zu kämpfen, was wir in Wirklichkeit gar nicht haben wollen … und es bekommen.
Die Gewerkschaftsbürokratie ist ein wesentlicher Bestandteil sich entwickelnder staatskapitalistischer Gesellschaften. Die Gewerkschaftsführer „verraten” niemanden und „verschaukeln” auch keinen, wenn sie Kämpfe der Arbeiterklasse manipulieren und versuchen, sie für ihre Zwecke auszunutzen. Sie sind keine Verräter, wenn sie versuchen, sich materielle Vorteile zu verschaffen oder den Zeitraum verlängern, nach dem sie sich wieder zur Wahl stellen müssen – sie handeln logisch und im Einklang mit ihren eigenen Interessen, welche sich nun einmal von denen der Werktätigen unterscheiden. Daraus folgt, daß wir niemanden dazu drängen, „bessere” Führer zu wählen, die Gewerkschaften zu „demokratisieren” oder neue aufzubauen, die unter den heutigen Umständen genau dasselbe Schicksal erleiden würden wie die alten. Das sind alles Scheinprobleme, über die sich nur noch diejenigen aufregen können, die noch nicht den wirklichen Kern des Problems begriffen haben.
Die dringendste Notwendigkeit besteht darin, sich auf die positive Aufgabe zu konzentrieren, eine Alternative zu schaffen, (sowohl im Bewußtsein der Menschen als auch in der Realität), namentlich autonome Betriebsorganisationen, verbunden mit anderen im selben Industriebereich und auch anderswo, und die von der Basis kontrolliert werden. Früher oder später werden solche Organisationen entweder in Konflikt mit den bestehenden Apparaten kommen, die beanspruchen, die Arbeiterklasse zu ‚repräsentieren‘ (und es wäre im Moment voreilig, die möglichen Formen dieses Konflikts bestimmen zu wollen), oder sie werden die alten Organisationen insgesamt hinter sich lassen.

5a
Sozialismus ist nicht einfach gemeinsamer Besitz und Kontrolle der Produktions- und Distributionsmittel. Er bedeutet Gleichheit, wirkliche Freiheit, gegenseitige Anerkennung und eine radikale Veränderung in allen menschlichen Beziehungen. Er ist das „positive Selbstbewußtsein des Menschen”. Er bedeutet für den Menschen das Verstehen und Begreifen seiner selbst und seiner Umwelt. Er bedeutet die Beherrschung der menschlichen Arbeit durch den Menschen. Er bedeutet, daß die Menschen ihre Arbeit und die sozialen Einrichtungen, die sie zu schaffen für nötig halten mögen, beherrschen. Dies sind keine zweitrangigen Aspekte, die sich automatisch aus der Enteignung der alten Klasse ergeben werden. Sie sind im Gegenteil wesentlicher Teil des ganzen Prozesses der sozialen Veränderung, denn ohne sie wird keine echte soziale Veränderung stattgefunden haben.

5b
Dieser Absatz setzt unsere Vorstellung vom Sozialismus von den meisten anderen ab, die es heute gibt. Sozialismus ist für uns nicht eine Frage wirtschaftlicher Neuorganisation, auf die andere Errungenschaften „unvermeidlich” folgen werden, ohne daß bewußt darum gekämpft wird. Der Sozialismus ist für uns die totale Vision einer völlig anderen Gesellschaft. Eine solche Vorstellung ist verbunden mit einer totalen Kritik am Kapitalismus, die wir oben schon erwähnt haben.
Sozialdemokraten und Bolschewisten denunzieren Gleichheit als „utopisch”, „kleinbürgerlich” oder „anarchistisch”. Sie weisen die Verteidigung der Freiheit als „abstrakt” und dementsprechend deren Anerkennung als „liberalen Humanismus” zurück. Sie geben zwar zu, daß die radikale Veränderung aller gesellschaftlichen Beziehungen tatsächlich das Ziel ist, aber sie können diese radikalen Veränderungen nicht als wesentlichen und unmittelbaren Bestandteil des sinnvollen Veränderungsprozesses selbst sehen.
Wenn wir vom „positiven Selbstbewußtsein des Menschen” und seinem „Verständnis von seiner Umwelt und von sich selbst” sprechen, meinen wir die allmähliche Überwindung aller Mythen und aller Arten falschen Bewußtseins (Religion, Nationalismus, patriarchalische Haltungen, Glaube an die Rationalität der Hierarchie usw.). Die Vorbedingung der menschlichen Freiheit ist das Verständnis all dessen, was diese Freiheit einschränkt. Positives Selbstbewußtsein schließt auch die schrittweise Zerstörung des Zustandes chronischer Schizophrenie mit ein, durch den es den meisten Menschen auf Grund ihrer Erziehung und anderer Mechanismen möglich ist, jeweils miteinander unvereinbare Ideen im Kopf zu haben. Das bedeutet,den Zusammenhang zwischen Mittel und Zweck einzusehen und zu begreifen. Das heißt, diejenigen bloßzustellen, die Konferenzen über „Arbeiterkontrolle” veranstalten … die dann von Gewerkschaftsbonzen besucht werden, die auf Lebenszeit gewählt sind. Es heißt, geduldig den inneren Widerspruch zu erklären von Begriffen wie „Volkskapitalismus”, „parlamentarischer Sozialismus”, „christlicher Kommunismus”, „Anarcho-Zionismus”, „parteigelenkte ‚Arbeiterräte’”, und all solchen Quatsch. Es heißt, zu verstehen, daß eine nicht-manipulierte Gesellschaft nicht auf manipulativem Wege und eine klassenlose Gesellschaft nicht mit hierarchischen Strukturen erreicht werden kann. Dieser Versuch, den Durchblick zu kriegen und ihn zu vermitteln, wird schwierig sein und lange dauern. Ohne Zweifel wird jede „voluntaristische” oder „aktivistische” Tendenz dies als „intellektuelles Theoretisieren” ablehnen, weil sie scharf darauf ist, auf Abkürzungen ins gelobte Land zu kommen und mehr mit der Bewegung als mit deren Richtung beschäftigt ist.
Weil wir meinen, daß die Leute sehr wohl verstehen können und verstehen sollten, was sie tun, folgt daraus, daß wir viele Einstellungen, die in der heutigen Bewegung zum Gemeinplatz geworden sind, ablehnen. In der Praxis bedeutet das, den Gebrauch revolutionärer Mythen und die Zuflucht zu manipulierten Konfrontationen abzulehnen, die dazu da sein sollen, das Klassenbewußtsein zu heben. Beiden liegt die meist unausgesprochene Annahme zugrunde, daß andere Leute die soziale Realität nicht verstehen und nicht in ihrem eigenen Interesse rational handeln können.
Mit unserer Ablehnung revolutionärer Mythen verbunden ist unsere Zurückweisung von vorgefertigten Patentrezepten. Wir wollen keine Götter, auch nicht solche aus dem marxistischen oder anarchistischen Pantheon. Wir leben weder im Petrograd von 1917 noch im Barcelona von 1936. Wir sind wir selbst: das Produkt des Zerfalls traditioneller Politik, in einem fortgeschrittenen industriellen Land, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es sind die Probleme und Konflikte dieser Gesellschaft, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen.
Obwohl wir uns als Teil der „libertären Linken” ansehen, unterscheiden wir uns doch von den meisten Strömungen des „kulturellen” oder „politischen” Undergrounds (3). Wir haben z.B. nichts gemein mit solchen kleinen Geschäftemachern, die jetzt an der allgemeinen Verwirrung reich werden, die gleichzeitig für solche Waren werben wie orientalischen Mystizismus, schwarze Magie, Drogenkult, sexuelle Ausbeutung (verkleidet als sexuelle Emanzipation), all dies gewürzt mit viel volkstümlicher Mythologie. Die Verbreitung von Mythen und die Verteidigung „nicht-sektiererischer Politik” bewahren sie nicht davor, in der Praxis viele reaktionäre Züge anzunehmen. Sie unterstützen diese vielmehr. Unter der geistlosen Parole „Unterstützung für die kämpfenden Völker!” plädieren diese Richtungen für die Unterstützung verschiedener Nationalismen (die heute alle reaktionär sind); z.B. die beiden Flügel der IRA und alle Nationalen Befreiungsfronten.
Andere Strömungen, die sich selbst „libertäre Marxisten” nennen, leiden an den Schuldkomplexen des Mittelstandes, wodurch sie für die „Arbeiteritis” [‚workerism‘] anfällig werden. Trotzdem ist ihre Praxis sowohl reformistisch als auch von der Stellvertreterrolle besessen. Wenn sie z.B. (was richtig ist) Kämpfe für begrenzte Ziele unterstützen – Mietkampagnen oder Häuserbesetzungen – machen sie oft gar nicht die revolutionäre Bedeutung solcher kollektiven direkten Aktionen klar. Historisch gesehen stand die direkte Aktion oft im Gegensatz zur reformistischen Natur des verfolgten Ziels. Auf der anderen Seite unterstützen solche Richtungen wiederum die IRAs oder die Nationalen Befreiungsfronten und üben keine Kritik an den kubanischen, nordvietnamesischen oder chinesischen Regimen. Obwohl sie die Partei ablehnen, teilen sie mit dem Leninismus eine bourgeoise Vorstellung von Bewußtsein.
Da wir der Meinung sind, daß unsere Politik alle Bereiche umfassen sollte, lehnen wir auch die Einstellung anderer libertärer Strömungen ab, die ihre ganze Energie auf die persönliche Befreiung legen oder individuelle Lösungen suchen, wo gesellschaftliche Probleme bestehen. Wir distanzieren uns auch von denen, die die Gewalt des Unterdrückers mit der des Unterdrückten gleichsetzen (in Verurteilung von „Gewalt” an sich) und denen, die die Rechte der Streikenden an der Streikfront für dieselben halten, wie die Rechte von Streikbrechern beim Streikbruch (in abstrakter Verteidigung der „Freiheit an sich”). Dementsprechend sind Anarcho-Katholizismus und Anarcho-Maoismus in sich selbst widersprüchliche Ansichten, unvereinbar mit revolutionärer Eigenaktivität.
Wir finden, daß es eine Verbindung geben sollte zwischen dem, was wir uns unter Sozialismus vorstellen, und dem, was wir hier und heute tun. Daraus folgt, daß wir sofort damit anfangen, zusammen mit denen, die uns am nächsten stehen, zu versuchen, einige der allgemeiner gehaltenen politischen Mythen zu schlachten. Diese sind nicht beschränkt auf die „Rechte” – mit ihrem Glauben, daß Hierarchie und Ungleichheit die Grundlage menschlicher Verfassung seien. Wir halten es für irrational (und/oder unehrlich), daß gerade diejenigen, die am meisten von „den Massen“ reden, (und von der Kraft der Arbeiterklasse, eine neue Gesellschaft aufzubauen), das geringste Vertrauen in die Fähigkeit der Menschen haben, auf Führer verzichten zu können. Wir halten es für ebenso irrational, daß die radikalsten Propagandisten des „radikalen gesellschaftlichen Wandels” in ihren eigenen Ideen, Programmen und organisatorischen Vorschriften soviele der Werte, Prioritäten und Modelle einschließen, die sie zu bekämpfen behaupten.

6a
Eine sozialistische Gesellschaft kann deshalb nur von unten her aufgebaut sein. Entscheidungen, die die Produktion und Arbeit betreffen, werden von Arbeiterräten getroffen werden, die aus gewählten und jederzeit absetzbaren Delegierten bestehen. Entscheidungen auf anderen Gebieten werden auf der Basis der weitestmöglichen Diskussion und Beratung der ganzen Bevölkerung getroffen werden. Diese Demokratisierung der Gesellschaft bis zu ihren Wurzeln selbst ist es,was wir unter Arbeitermacht verstehen.

6b
Wenn wir sagen, daß die sozialistische Gesellschaft „von unten aufgebaut” werden soll, dann meinen wir das auch ganz genau so. Wir meinen nicht „initiiert von oben und dann von unten gutgeheißen”. Noch meinen wir „von oben geplant und später von unten nachgeprüft”. Wir sind der Auffassung, daß es keine Trennung zwischen entscheidenden und ausführenden Organen geben sollte. Das ist der Grund dafür, daß wir Arbeiter-”Selbstverwaltung” in der Produktion sagen und die mißverständliche Forderung nach Arbeiter-”Kontrolle” vermeiden. (Die theoretischen und historischen Unterschiede zwischen beiden sind in der Einleitung zu unserem Buch „The Bolsheviks and Worker’s Control: 1917 – 1921” ausgeführt. (4))
Wir machen den revolutionären Organisationen jede spezifische Vorrangstellung in der nachrevolutionären Periode oder beim Aufbau der neuen Gesellschaft streitig. Ihre hauptsächliche Aufgabe in dieser Periode wird es sein, den Vorrang der Arbeiterräte (und von auf ihnen beruhenden Organen) als Entscheidungsautorität zu betonen und gegen all diejenigen zu kämpfen, die diese Autorität zu mindern oder zu umgehen suchen – oder sonstwie nach Macht streben. Im Unterschied zu anderen Linken, die das Nachdenken über die neue Gesellschaft als „Beschäftigung mit den Garküchen der Zukunft” ablehnen, haben wir unsere Ideen über die mögliche Struktur einer solchen Gesellschaft in vielen Einzelheiten in unserer Broschüre The Workers‘ Councils (5) ausgeführt.

7a
Sinnvolle Aktionen für Revolutionäre sind, welche auch immer das Selbstvertrauen, die Autonomie, die Initiative, die Teilnahme, die Solidarität, die egalitären Tendenzen und die Eigenaktivität der Massen verstärken und die auch immer deren Irreführung verhindern. Unnütze und schädliche Aktionen sind solche die die Passivität der Massen vergrößern, ihre Apathie sowie ihren Zynismus, ihre Aufsplitterung durch Hierarchie, ihre Entfremdung, ihr Vertrauen darauf, daß andere für sie handeln und damit das Ausmaß dessen wie sie durch andere manipuliert werden können – sogar durch die, die vorgeben, in ihrem Interesse zu handeln.

7b
Dieser Absatz ist vielleicht der wichtigste und am wenigsten verstandene der ganzen Broschüre. Er ist der Schlüssel dazu, wie wir unsere praktische Arbeit betrachten. Er definiert die Maßstäbe, mit denen wir das politische Alltagsleben einschätzen und unsere geistigen und körperlichen Fähigkeiten rational einsetzen können. Der Absatz erklärt warum wir bestimmte Probleme für wichtig halten, während wir andere als Scheinprobleme betrachten. Im Rahmen unseres Anschauungen erklärt dieser Absatz die Absicht unseres Textes.
Da wir es in Bezug auf die Meinungen und Fähigkeiten, die wir zu entwickeln bemüht sind, für nebensächlich halten, lassen wir uns nicht durch solchen Kram aus der Ruhe bringen wie Parlaments- oder Gewerkschaftswahlen (Leute zu kriegen, die die eigenen Angelegenheiten für einen erledigen), den Gemeinsamen Markt oder die Währungskrise (das Partei-Ergreifen für eine Seite bei den Zankereien der Herrschenden nützt den Beherrschten nämlich gar nichts) oder den Kampf um Irland oder verschiedene Putsche in Afrika (Kämpfe, die von völlig reaktionären Standpunkten aus geführt werden). Wir können diese Ereignisse zwar nicht ignorieren, ohne einen Teil der Wirklichkeit zu ignorieren, aber wir können vermeiden, ihnen eine Bedeutung für den Sozialismus zukommen zu lassen, die sie nicht besitzen. Wir finden stattdessen, daß die ungarische Revolution von 1956 und die französischen Ereignisse vom Mai 1968 von großer Bedeutung sind (denn es waren Kämpfe gegen die Bürokratie und Versuche zur Selbstverwaltung sowohl im Osten als auch im Westen).
Aus dieser Haltung heraus wird auch unsere Stellung zu verschiedenen Betriebskämpfen deutlich. Während es sich dabei meistens um eine Herausforderung der Unternehmer handelt, zeigen einige doch stärkere sozialistische Tendenzen, als andere. Warum haben z.B. „spontane” Aktionen gegen die Arbeitsbedingungen, die direkt von der Basis ausgehen, häufig eine größere Bedeutung, als „offizielle” Kampfmaßnahmen um Lohnfragen, die aus der Ferne von Gewerkschaftsbürokraten geführt werden? Wenn es um die Entwicklung eines sozialistischen Bewußtseins geht, ist die Frage, wie ein Kampf geführt wird und worum er wirklich geht, von entscheidender Bedeutung. Sozialismus heißt schließlich, wer die Entscheidungen trifft. Wir finden, daß dies betont werden muß, in der Praxis, sofort.
In unserer Einschätzung der Kämpfe halten wir uns daran, daß man die Realität nicht beschönigen kann. Es ist besser, die tatsächlichen Schwierigkeiten ehrlich zu analysieren, als in einer Scheinwelt zu leben, in der man seine Träume für die Wirklichkeit hält. Daraus folgt, daß wir den triumphalistischen (in Wirklichkeit manipulativen) Tonfall, der so viele Betriebsberichte und „Interventionen” der traditionellen Linken ruiniert, zu vermeiden suchen.
Außerdem haben in Punkt 7 die Betonung der Eigenaktivität und die Warnung vor den schlimmen Folgen der Manipulation, des Sich-für-Andere-Einsetzens, des Vertrauens auf andere, daß sie schon die Dinge für einen selbst regeln werden, eine große Bedeutung und sind für unsere eigene Organisation höchst wichtig.

8a
Keine herrschende Klasse hat jemals in der Geschichte auf ihre Macht ohne Kampf verzichtet und unsere gegenwärtigen Machthaber sind da sicher keine Ausnahme. Die Macht wird ihnen nur genommen werden durch die bewußte und autonome Aktion der Mehrheit der Bevölkerung selbst. Der Aufbau des Sozialismus wird das Verständnis der Bevölkerung und ihre Teilnahme verlangen. Durch ihre rigide hierarchische Struktur, durch ihre Prinzipien und Aktivitäten entmutigen die sozialdemokratischen und bolschewistischen Organisationstypen diese Art des Verständnisses und verhindern diese Art der Teilnahme. Der Gedanke, daß der Sozialismus irgendwie durch eine Elitepartei erreicht werden kann (egal wie revolutionär), die für das „Wohl der Arbeiterklasse” handelt, ist absurd und reaktionär.

8b
Wir sind keine Pazifisten. Wir geben uns keinen Illusionen darüber hin, wogegen wir kämpfen. In allen Klassengesellschaften lastet institutioneller Druck schwer und dauernd auf den Unterdrückten. Darüber hinaus haben die Herrschenden in solchen Gesellschaften auch Immer noch Zuflucht zu direkterer physischer Gewalt genommen, sobald ihre Privilegien wirklich bedroht wurden. Gegen die Unterdrückung durch die herrschende Klasse machen wir das Recht der Menschen auf Selbstverteidigung mit allen Mitteln, die angemessen erscheinen, geltend.
Die Macht der Herrschenden wird von der Unentschlossenheit und Verwirrung der Beherrschten getragen. Ihre Macht wird nur überwunden werden durch Konfrontation mit unserer Macht: der Macht einer bewußten und auf sich selbst vertrauenden Mehrheit, die weiß, was sie will und entschlossen ist, es zu kriegen. In modernen Industriegesellschaften wird die Macht einer solchen Mehrheit da liegen, wo Tausende tagtäglich zusammenkommen, um ihre Arbeitskraft in der Produktion von Waren und Dienstleistungen zu verkaufen.

Sozialismus kann nicht das Resultat eines Putsches sein, der Eroberung eines Palastes oder Sprengung eines Partei- oder Polizeipräsidiums, ausgeführt „im Namen des Volkes” oder „um die Massen anzuheizen”. Sind solche Aktionen erfolglos, schaffen sie lediglich Märtyrer und Mythen – und verstärkte Repression. Sind sie „erfolgreich”, ersetzen sie nur eine herrschende Minderheit durch eine andere; d.h., sie bringen nur eine neue Art Ausbeutergesellschaft hervor. Der Sozialismus kann auch nicht durch Organisationen eingeführt werden, die ihrerseits nach autoritären, hierarchischen, bürokratischen oder halbmilitärischen Gesichtspunkten strukturiert sind. Das Einzige, was derartige Organisationen bisher aufgebaut haben (und weiter festigen, sofern sie „Erfolg” hatten), sind Gesellschaften nach ihrem eigenen Bilde.
Die soziale Revolution ist keine Parteisache. Sie wird die Aktion der großen Mehrheit sein, die im Interesse der großen Mehrheit handelt. Die Fehlschläge von Sozialdemokratie und Bolschewismus sind der Fehlschlag eines politischen Konzepts, demzufolge die Unterdrückten, ihre Befreiung anderen anvertrauen. Das dringt allmählich in das allgemeine Bewußtsein und bereitet den Boden für eine wirkliche libertäre Revolution vor.

9a
Wir akzeptieren nicht die Auffassung, daß die Arbeiterklasse aus sich heraus nur ein trade-unionistisches Bewußtsein (6) erlangen kann. Wir glauben im Gegenteil, daß ihre Lebensbedingungen und ihre Erfahrungen in der Produktion die Arbeiterklasse immer mehr dazu bringen, Prioritäten zu setzen und Wertungen vorzunehmen, sowie Organisationsformen zu finden, die die etablierte soziale Ordnung und Denkweise herausfordern. Diese sind implizit sozialistisch. Andererseits ist die Arbeiterklasse gespalten, ihrer Kommunikationsmittel beraubt und ihre Teile sind auf unterschiedlichen Wissens- und Bewußtseinsstufen. Die Aufgabe der revolutionären Organisation ist es, dazu beizutragen, dem Arbeiterbewußtsein einen klar sozialistischen Inhalt zu geben, den Arbeitern im Kampf praktische Hilfe zu geben und den Erfahrungsaustausch sowie die Verbindung verschiedener Regionen zu unterstützen.

9b
Da wir Lenins Vorstellung ablehnen, daß die Arbeiterklasse nur ein trade-unionistisches (oder reformistisches) Bewußtsein entwickeln könne, folgt daraus, daß wir das leninistische Rezept zurückweisen, wonach das sozialistische Bewußtsein von außen beigebracht oder der Bewegung durch politische Spezialisten eingeflößt werden muß: nämlich durch die professionellen Revolutionäre. Daraus folgt weiter, daß wir uns auch nicht so verhalten, als ob wir so dächten.
Das Bewußtsein der Massen ist jedoch nie ein theoretisches Bewußtsein, das individuell aus dem Studium der Bücher abgeleitet ist. In den modernen Industriegesellschaften entspringt sozialistisches Bewußtsein den tatsächlichen Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens. Diese Gesellschaftsform bringt die Bedingungen für ein entsprechendes Bewußtsein hervor. Auf der anderen Seite versperrt sie gewöhnlich den Zugang zu diesem Bewußtsein, da es sich eben um die Klassengesellschaft handelt. Hierin liegt sowohl das Dilemma als auch die Herausforderung, mit der moderne Revolutionäre konfrontiert werden.

Es gibt eine Aufgabe für bewußte Revolutionäre. Erstens durch persönlichen Einsatz, im täglichen Leben und am Arbeitsplatz. (Hier liegt die Hauptgefahr in der „Ich-bin-proletarischer-als-du-Haltung“, welche die Leute glauben läßt, daß sie kaum was machen können, wenn sie keine richtigen Arbeiter sind und die sie so tun läßt, als ob sie etwas wären, was sie gar nicht sind, in dem falschen Glauben, daß die einzig wirksamen Kämpfe in der Industrie stattfinden.) Zweitens, indem man andere im Kampf dadurch unterstützt, daß man ihnen Hilfe oder Informationen zukommen läßt, die ihnen verweigert wird (dabei liegt die Hauptgefahr in dem Angebot „interessierter Unterstützung”, deren Zweck ebensosehr ist, den Militanten für die „revolutionäre” Organisation zu gewinnen, wie der Sieg in dem Kampf, in den er verwickelt ist.) Schließlich, indem man die tiefen Beziehungen (die allerdings oft verborgen sind) aufzeigt und erklärt, die zwischen dem sozialistischen Ziel und dem bestehen, wozu die Leute durch ihre eigenen Erfahrungen und Bedürfnisse zu tun getrieben werden. (Das meinen wir, wenn wir gesagt haben, die Revolutionäre sollten dazu beitragen, den „implizit” sozialistischen Inhalt vieler gegenwärtiger Kämpfe „explizit” zu machen.)

10a
Wir betrachten uns nicht als wiederum eine neue Führung, sondern einzig als ein Instrument für die Aktionen der Arbeiterklasse. Die Funktion von Solidarity ist es, all denen zu helfen, die mit der gegenwärtigen autoritären Gesellschaftsstruktur sowohl in der Industrie als auch in anderen Gesellschaftsbereichen zusammenstoßen; unsere Funktion ist es, ihre Erfahrungen zu verallgemeinern, die Bedingungen und die Ursachen der Konflikte einer totalen Kritik zu unterziehen und das revolutionäre Massenbewußtsein zu entwickeln, das notwendig ist, wenn die Gesellschaft vollständig verändert werden soll.

10b
Dieser Absatz sollte Solidarity vom traditionellen Typ politischer Organisation unterscheiden. Wir sind keine Führung und wollen auch keine werden. Da wir andere weder führen noch manipulieren wollen, können wir Hierarchie oder andere manipulative Mechanismen bei uns nicht gebrauchen. Da wir ideologisch und organisatorisch an die Autonomie der Arbeiterklasse glauben, können wir auch Gruppen innerhalb der Solidarity-Bewegung solche Autonomie nicht streitig machen. Im Gegenteil, wir sollten uns bemühen, sie zu fördern.
Auf der anderen Seite wünschen wir natürlich, andere zu beeinflussen und die Solidarity-Ideen (und nicht irgendwelche) so weit wie möglich zu verbreiten. Das erfordert die koordinierte Aktivität von Personen und Gruppen, die einzeln zur Eigenaktivität fähig sind und die ihr eigenes Maß an Beteiligung und ihre eigenen Arbeitsgebiete finden können. Die Instrumente solcher Zusammenarbeit sollten flexibel und dem jeweilig erforderlichen Zweck der gemeinsamen Arbeit angemessen sein.
Wir lehnen Organisation nicht mit der Begründung ab, daß sie notwendigerweise Bürokratie impliziert. Wenn wir solche Ansichten hätten, dann gäbe es überhaupt keine sozialistische Perspektive. Im Gegenteil, wir glauben, daß Organisationen, deren Arbeitsweise (und was sie beinhaltet) von allen verstanden wird, allein den Rahmen für demokratische Entscheidungen abgeben können. Es gibt keine institutionellen Garantien gegen die Bürokratisierung revolutionärer Gruppen. Die einzige Garantie ist die ständige Wachsamkeit und Selbstmobilisierung der Mitglieder. Wir sind uns jedoch der Gefahr bewußt, daß revolutionäre Gruppen zum Selbstzweck werden können. In der Vergangenheit ist die Loyalität zu Gruppen oft stärker gewesen, als die Loyalität zu Ideen. Unsere vorrangige Verpflichtung ist die zur sozialen Revolution – nicht die gegenüber einer besonderen politischen Gruppe, nicht einmal gegenüber Solidarity. Unsere organisatorische Struktur sollte sicherlich die Notwendigkeit zu gegenseitigem Beistand und gegenseitiger Hilfe widerspiegeln. Aber wir haben keine darüberhinausgehenden Ziele, Bestrebungen und Ambitionen. Deshalb strukturieren wir uns auch nicht so, als ob wir welche hätten.

(1) heißt heute Europäische Union.
(2) FNL: gemeint sind die seinerzeit (1972) aktiven ‚Nationalen Befreiungsfronten‘ in Afrika, Asien und Lateinamerika.
(3) Bezeichnung für die meist jugendlich geprägte ‚Gegenkultur‘ in den späten 1960ern und frühen 1970ern.
(4) Maurice Brinton,  The Bolsheviks and Workers‘ Control 1917 to 1921. The State and Counter-Revolution, London 1970 (Solidarity). Deutsche Ausgabe: M. Brinton, Die Bolschewiki und die Arbeiterkontrolle. Der Staat und die Konterrevolution, Hamburg 1976 (Association) [nur noch antiquarisch erhältlich]
(5) Paul Cardan [d.i. Cornelius Castoriadis], Workers‘ Councils and the Economics of Self-Management, London 1972 (Solidarity). – Der Text erschien zuerst unter dem Titel Sur le contenu du socialisme II in der legendären französischen Zeitschrift Socialisme ou Barbarie, No. 22, Juli 1957 (Eine akkuratere neuere Übersetzung ins Englische findet sich übrigens hier.)
Deutsche Ausgabe: Cornelius Castoriadis, Arbeiterräte und selbstverwaltete Gesellschaft, Frankfurt/M 1974 – Neue deutsche Übersetzung unter dem Titel Über den Inhalt des Sozialismus II in: Cornelius Castoriadis, Vom Sozialismus zur autonomen Gesellschaft. Über den Inhalt des Sozialismus. Ausgewählte Schriften, Bd. 2.1., Lich/Hessen 2007 (Edition AV)
(6) »Die Geschichte aller Länder zeugt davon, dass die Arbeiterklasse aus eigenen Kräften nur ein trade-unionistisches [rein gewerkschaftliches] Bewusstsein hervorzubringen vermag (…). Die Lehre des Sozialismus ist hingegen aus den philosophischen, historischen und ökonomischen Theorien hervorgegangen, die von den gebildeten Vertretern der besitzenden Klassen, der Intelligenz, ausgearbeitet wurden. (…) Das politische Klassenbewußtsein kann dem Arbeiter nur von außen gebracht werden, d. h. aus einem Bereich außerhalb des ökonomischen Kampfes, außerhalb der Sphäre der Beziehungen zwischen Arbeitern und Unternehmern.« Wladimir Iljitsch Lenin, „Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung (1902) 

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