“Wer verloren hat, kann wieder aufstehen – wer wieder aufsteht, hat Erfahrungen”

stellingen
Gespräch mit einem Kollegen von Ex-Weiland. Nachdem die DBH Weiland geschluckt hatte, wurde kräftig “rationalisiert”. Die Entlassungswelle begann in den Zentralen Diensten und erreichte schließlich auch die Filialen. Die Infoblog-Redaktion sprach mit Markus, einem der betroffenen Kollegen. Zum Schutz seiner Anonymität nennen wir nur seinen Vornamen.

Infoblog:    Vor einem Jahr hast Du Deine Kündigung erhalten, zusammen mit dem Spruch des Weiland-Gesellschafters Henning Hamkens, “dass in jeder Veränderung auch der Zauber eines neuen Anfangs steckt”. Seit April 2013 warst Du arbeitslos. Wie geht es Dir heute, was waren bislang Deine Erfahrungen mit der Arbeitsagentur?

Markus:   Ja, die Arbeitsagentur… Da muß man selbstbewußt auftreten, sich kundig gemacht haben und immer einen Zeugen mitnehmen. Dann wird man nicht verarscht. Aber in der “Komfortzone” des ALG 1 ist es noch harmlos. Als ich mal zu meiner Vermittlerin sagte “ich verlange lediglich, daß Sie sich an Recht und Gesetz halten”, bekam ich die Antwort: “Wir sind doch nicht bei der Arge!” (also Hartz IV). Beim “Zauber des Neuanfangs” denke ich zunächst an meine hübsche kleine Abfindung, obwohl das ja keine Zauberei ist, sondern mein “gutes” Recht, vor dem sich die Hugendubel-GL ja erst drücken wollte.
Seit Dezember habe ich einen neuen Job. Der ist sogar deutlich interessanter und abwechslungsreicher als die Hamsterrad-Maloche im Weiland-Zentraleinkauf, ist aber auch noch schlechter bezahlt. Über einen Sklavenhändler (der Euphemismus lautet “Zeitarbeitsunternehmen”) bin ich jetzt Packer für – sage und schreibe – 9,07 €. Laut Gesetz (“equal pay”) müßte ich wie meine Kollegen etwa 11,50 € bekommen, aber ver.di (und andere Gewerkschaften) hat mit der iGZ einen abweichenden Tarifvertrag abgeschlossen (Der iGZ Interessenverband Deutscher  Zeitarbeitsunternehmen e.V. ist ein Arbeitgeberverband der deutschen Zeitarbeitsunternehmen, Anmerkung der Redaktion)

Infoblog:    Hamkens hatte bei Weiland ja schon vor Jahren Tarifflucht begangen. Gab es dagegen Widerstand?

Markus:   Kaum. Wenig. Zu wenig!
Ein paar Deppen, letztlich nur ein einzelner Kollege, der hin und wieder bei Weiland gejobbt hat, hat da ein Phantom in die Welt gesetzt: die “Weiland-Koordination”. Seine außerbetrieblichen “autonomen” Freunde haben dann vor ein paar Filialen abenteuerliche Flugblätter verteilt, in denen vollmundig u.a. mit Sabotageaktionen gedroht wurde. Die Weiland-GL hat das Teil dann per Mail an alle Filialen geschickt – und erwartungsgemäß hagelte es Distanzierungen. Der Deuerlich’sche BR nannte das “68er-Methoden”.
Bei uns im Zentraleinkauf wichen die KollegInnen aus, wenn ich sie ansprach. Der einzige, der anfänglich Oppositionsgeist zeigte, ist eingeknickt, als zwei Vertreter der GL bei uns aufgetaucht sind. Der fiel mir doch glatt in den Rücken, als ich die “Argumente” der GL entkräftet hatte. Immerhin wurde so die brutale Drohung “sonst kommt es zu Kündigungen” etwas deutlicher.
Einzig in der Filiale Hamburg-Altona weigerten sich die KollegInnen lange Zeit, “freiwillig” eine Änderung des Arbeitsvertrages zu unterschreiben.

Infoblog:    Zusammen mit der Umbenennung von Weiland in Hugendubel wurden letztes Jahr weitere Massenentlassungen angekündigt. Proteste oder gar Streiks fanden dagegen nicht statt. Bei der jetzigen Initiative des Hugendubel-Gesamtbetriebsrates für Tarifverträge beteiligten sich etliche Ex-Weiland-BetriebsrätInnen gar nicht. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist schwach, etliche Filialen haben nach wie vor keinen Betriebsrat. Wie erklärst Du Dir das?

Markus:    Wirklich erklären kann ich das weder mir noch anderen. Es ist manchmal so pipi-einfach sich zu wehren und solidarisch zu handeln. Aber es fehlte – nicht nur bei Weiland – einfach die praktische Übung in gemeinschaftlicher Selbstbehauptung. Auch Solidarität muß erlernt werden.
Die Betriebsräte sind in der Regel ja nicht besser als die Belegschaften, die sie vertreten sollen. Außerdem lastet die Ideologie der Sozialpartnerschaft wie ein Alp auf den Gehirnen.
Als die Schließung des Weiland-Zentraleinkaufs konkret wurde, versuchte ich ein Zusammenwirken mit den bayerischen KollegInnen zu propagieren. Die ringen ja seit Jahren darum, einen Sozialtarifvertrag zu erreichen. Und das ist ja jetzt dringender denn je.
Aber auch im norddeutschen Flachland ist der Horizont nicht weiter als im Alpenvorland. Die eigenen Haut retten, mehr wollte einfach keiner. “Die bösen Bayern machen unser hübsches Weiland kaputt”, war die Haltung. Da kamen Firmen- und Heimat-Patriotismus zusammen.

Infoblog:    Der marxistische Sozialwissenschaftler Werner Seppmann konstatierte in der BRD eine “Krise ohne Widerstand”. Soziologen und Sozialhistoriker sprechen von “white collar” und “blue collar”, also von Angestellten und Arbeitern und der damit unterschiedlichen Selbstwahrnehmung innerhalb des kapitalistischen Systems. BuchhändlerInnen bei Ex-Weiland verdienen so wenig wie eine Verkäuferin, haben aber anscheinend ein white-collar-Bewußtsein. Verhindert evtl. ein bei BuchhändlerInnen nach wie vor vorhandener Standesdünkel und die (früher praktizierte) Ideologie der Sozialpartnerschaft eine gewerkschaftliche (Selbst)Organisation? Unterschreibt man für einen noch so prekären Arbeitsplatz mittlerweile jeden, aber auch jeden Arbeitsvertrag?

Markus:    Da ist was dran an der Sache mit der Kragenfarbe. Den Leuten, die vor der Arbeit duschen, muß man oft nur einreden, sie seien was besseres, als die Leute die nach der Arbeit duschen. “Gefühlte Privilegien” sozusagen. Materielle Dinge sind ja nur ein Aspekt bei der Selbstverortung. Die entlassenen (!) Buchhändlerinnen aus der Wandsbeker Filiale machten damals gar keinen Hehl aus ihrer Verachtung für die Arbeiter im Zentraleinkauf. Es ist ja auch viel einfacher, sich Selbstachtung vorzugaukeln, als wirkliches Selbstvertrauen durch Handeln zu erwerben.
Bei meinem neuen Job war es ja auch nicht anders: Bei der Wahl zwischen einer schlecht bezahlten Arbeit oder drohendem Hartz IV fällt die “freiwillige” Entscheidung selbstverständlich für den Niedriglohn-Job aus. Hartz IV-Bezug führt oft zu Obdachlosigkeit und diese endet nicht selten tödlich. Das wissen letztlich alle. Das wird nur fleißig verdrängt. Da wird die eigene Existenzangst dann in Hass auf “die faulen Arbeitslosen” umgemünzt.
Eine bloße Mitgliedschaft bei ver.di hilft ja auch nicht weiter. Um die eigenen Angelegenheiten muß man sich schon selber kümmern. Dabei kann eine Gewerkschaft helfen, aber handeln muß man letztlich schon selber.

Infoblog:    Eine Belegschaft, die sich von der Kapitalseite nicht alles bieten ließ, waren die Kolleginnen und Kollegen von der norddeutschen Verpackungsfirma Neupack. Sie standen in einem monatelangen Arbeitskampf mit der Eigentümerfamilie Krüger und deren Management. Du hast Dich im Soli-Kreis engagiert.  Was war der Auslöser für den Streik?

Markus:    Es ging vordergründig um die grottenschlechte Bezahlung. Aber in den vielen Gesprächen kamen die KollegInnen immer sehr schnell auf vermeintliche “Nebenaspekte”: anständige Behandlung und gesicherte Verhältnisse waren immer wieder Thema. Aktiv im Streik waren auch und vor allem einige Leute, die materiell gar nicht so viel zu gewinnen hatten. Sozusagen die Bessergestellten der Unterbezahlten. Da gab es eine massive Wut und Empörung! Ohne das hätte diese wunderbaren und achtenswerten Menschen gar nicht so lange durchhalten können.

Infoblog:    Die eher sozialpartnerschaftlich orientierte Industriegewerkschaft Bergbau Chemie Energie (IG BCE) wollte laut ihrem Vorsitzenden Micha­el Vas­si­lia­dis an den Krügers “ein Exempel statuieren”. Wie verlief der Streik?

Markus:   Die Belegschaft hatte hatte ja keinerlei Streikerfahrung, von einem eintägigen Warnstreik abgesehen. Die Forderung von 82% des Flächentarifs war so bescheiden, daß der Unternehmer eigentlich leicht hätte einlenken können. Wollte der aber nicht. Er hat die IG BCE schlicht ignoriert, einfach jedwede Verhandlung bis zum Schluß erfolgreich verweigert.
“Ein Kapitalist macht Klassenkampf – die IG BCE bittet um Sozialpartnerschaft. Wer gewinnt?”
http://www.labournet.de/branchen/sonstige/verpackungen/der-neupack-streik-ein-kapitalist-macht-klassenkampf-die-ig-bce-bittet-um-sozialpartnerschaft-wer-gewinnt/
Mit dieser Überschrift aus labournet.de ist der Streik treffend beschrieben.
Als der Streik im Januar 2013 (nach 2½ Monaten) endlich Wirkung zeigte – die Lager waren leer und die herangekarrten Streikbrecher produzierten nur unverkäuflichen Schrott – machte der Hauptvorstand unter Umgehung der Belegschaft und der betrieblichen Streikleitung einen Rückzieher. Der Vollstreik wurde abgebrochen, mit der Begründung: “Wir wollen die Firma nicht kaputt streiken!” Stattdessen kam dann der “Flexi-Streik”, der von den Streikenden schnell in “Flexi-Verarschung” umgetauft wurde. Hin und wieder wurde mal ein oder zwei Tage die Arbeit niedergelegt, entweder um Mitgliederversammlungen durchzuführen oder auch um Anwaltliche Beratung zu neuen Einzelverträgen durchzuführen.
Wie ein wirklicher Flexi-Streik aussieht haben die KollegInnen bei H&M in Berlin in dieser Tarifrunde gezeigt: Sobald die Streikbrecher herangekarrt waren, wurde die Arbeit wieder aufgenommen. Wenn die Streikbrecher weg waren, wurde erneut gestreikt. So macht man das! Überhaupt: was die KollegInnen in Berlin gemacht haben war große Klasse! Auch die mehrfache Blockade des Kaufland-Zentrallagers war vorbildlich! Aber bei ver.di im Handel gibt es einen Apparat mit Streikerfahrung und – vor allem – kampferprobten Belegschaften. Die IG BCE hat ja seit über 40 Jahren keinen ernsthaften Streik geführt.
Zum Neupack-Soli-Kreis: Da waren ja die unterschiedlichsten Leute drin. Das ging vom ehrenamtlichen Mitglied im IG BCE-Ortsvorstand über Linksparteimitglieder bis zum Anarchosyndikalisten. Und wir haben geeint und solidarisch zugunsten der Belegschaft handeln können. Das ist doch was!  Oftmals mußten einige von uns auch Aufgaben übernehmen, die normalerweise die Streikleitung oder Hauptamtliche durchführen. Aber wie gesagt: nennenswerte Streikerfahrung hatte die IG BCE ja nicht.

Infoblog:    Am Ende statuierte die Kapitalseite an IG BCE und Belegschaft ein Exempel. Wie endete der Streik? Wie geht es dem  Betriebsratsvorsitzenden Murat Günes, der mit sieben (!) fristlosen Kündigungen überzogen wurde?

Markus:    Das materielle Ergebnis ist unübersichtlich und mager. Das Geflecht aus Einzelverträgen, einer Betriebsvereinbarung und unverbindlichen “Regelungsabreden” ist schwer zu durchschauen. Langfristig sollen Löhne von mindestens 9 € erreicht werden, falls der neue BR nach den Wahlen nicht einfach die Betriebsvereinbarung ändert. (Ein Teil der Streikbrecher wurde fest bzw. bis nach den BR-Wahlen befristet eingestellt; das ändert die Mehrheitsverhältnisse.) Ich maße mir da kein Urteil an, sondern zitiere mal zwei Neupack-Arbeiterinnen. Kollegin B. meinte: “Das ist genau das, was Krüger schon vor dem Streik angeboten hat.” Kollegin S. sagte: “Erfolg? Welcher Erfolg?”
Murat Güneş hat alle Prozesse gewonnen. Der Mann hat Nerven wie Drahtseile! (Und ich bin stolz darauf neben ihm gefesselt im Polizeiauto gesessen zu haben!) Murat ist eine Ausnahmeperson; kaum jemand hätte dem enormen Druck standhalten können.

Infoblog:    “WER KÄMPFT KANN VER­LIE­REN, WER NICHT KÄMPFT, HAT SCHON VER­LO­REN,
WER VER­LO­REN HAT, KANN WIE­DER AUF­STE­HEN, WER WIE­DER AUF­STEHT, HAT ER­FAH­RUN­GEN.”
Dieses Brecht-Zitat steht in einem Flugblatt des Neupack-Soli-Kreises vom November 2013.
Welche Erfahrungen und Schlußfolgerungen ziehst Du aus dem Neupack-Streik?

Markus:   Ein Streik muß besser und auch anders vorbereitet sein. Jetzt, also nach dem Streik, beginnt die IG BCE im Betrieb Strukturen, einen Vertrauensleutekörper, aufzubauen. Sowas muß man vorher machen! Gäbe es eine “Spontaneitäts-Theorie” wäre Neupack der Beweis für ihre Richtigkeit: Wut und Empörung ersetzten Schulung und Vorbereitung. Das kann aber kein tragfähiges Modell für zukünftige Streiks sein, das hätte auch böse ins Auge gehen können.
Die Neupack-Belegschaft war immer für eine Überraschung gut. Wie Stehaufmännchen haben die sich immer wieder “berappelt”. Aber Stehvermögen allein reicht nicht. Vieles hing von einigen wenigen KollegInnen ab. Verantwortung und Organisation muß auf viel mehr Schultern verteilt werden.
Wichtig ist auch, daß Entscheidungen demokratisch gefällt werden müssen. Und vor allem vor Ort, nicht in der fernen Zentrale. Ausdrücklich widerspreche ich dem zuständigen IG BCE-Sekretär Rajko Pientka. Der sagte: “Ein Flexi-Streik läßt sich nicht demokratisch führen!” Meine Schlußfolgerung ist: Ein Streik läßt sich nur demokratisch gewinnen!
Ganz einfach, wie es die Kollegin S. ausdrückte: “Auf die Arbeiter [sic!] hören.” (Es ist doch absurd, mit Flexi-Streiktagen zu warten, bis die Streikbrecher aus dem Urlaub zurück sind.)
Verallgemeinerbar ist vielleicht auch meine Beobachtung, daß es vor allem die Frauen waren, die organisiert haben und Verantwortung trugen. Das erkläre ich mir auch damit, daß Frauen im Privaten das Organisieren und Kommunizieren viel mehr Übung haben, eigenständig handeln und mitdenken können.

Infoblog:   Lieber Markus, die Redaktion dankt Dir ganz herzlich für das Gespräch!

Quelle: Hugendubelverdi Blog

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